Ausscheidungen

Schon als Kinder lernen wir, dass der Umgang mit körpereigenen Ausscheidungsprodukten oftmals mit Ekel- und Schamgefühlen belegt wird. Wobei sicherlich seit Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Kindererziehung ein offenerer Umgang mit diesem Thema zu einer gewissen Form der Enttabuisierung geführt hat.

Trotzdem ist gerade in der Generation der Klienten, die sich in der heutigen Zeit in einem Pflegeheim befinden, eine stark erziehungsbedingte Tabuisierung nach wie vor zu verzeichnen.

 Oftmals geht zunehmendes Alter mit dem Nachlassen körperlicher Funktionen einher. Blasenfunktionsstörungen oder Funktionsstörungen der Stuhlregulation sind im höheren Alter keine Seltenheit. Folge solcher funktionalen Störungen kann u. a. eine sogenannte Inkontinenz sein. Unter Inkontinenz wird die Unfähigkeit verstanden, Harn oder Stuhl zu einem bestimmten Zeitpunkt willentlich entleeren zu können.

 Inkontinenz stellt somit keine eigenständige Erkrankung dar, sondern ein Symptom, welches auf eine ganze Bandbreite verschiedener Ursachen hinweisen kann. Der Kontrollverlust über das eigene Ausscheidungsverhalten ist meist auch mit enormen psychosozialen Folgen verbunden.

 Man stelle sich nur einmal vor, man sei beispielsweise in einem Restaurant oder in einer Diskothek mit Bekannten und Freunden unterwegs und plötzlich, wie aus heiterem Himmel wäre die Hose nass. Ein solches Ereignis würde wohl jeden von uns in eine hochnotpeinliche Lage bringen und wir würden uns alle möglichen Arten von Ausreden einfallen lassen, um uns aus dieser Situation herauszulavieren.

 Im Extremfall kann eine bestehende Inkontinenz zum völligen Rückzug aus dem sozialen Leben führen, da man genau solche Situationen natürlich vermeiden möchte. Beziehungen und Partnerschaften können dadurch möglicherweise stark beeinträchtigt werden. Depressionen bis hin zu Suizidversuchen können als Reaktion auf eine Inkontinenz in Frage kommen. Zunehmende soziale Isolation, z.B. ausgelöst durch den Verlust eines Partners oder der Tod bekannter und verwandter Menschen, können diesen Effekt noch verstärken.

 Kulturelle Veranstaltungen oder Einkäufe können bei einer bestehenden Inkontinenz zu einer Art Spießrutenlauf für die Betroffenen werden. Oftmals fehlt es den Betroffenen an Aufklärung und Beratung zum Thema. Da zunächst meist versucht wird, mit Verdrängung auf das bestehende Problem zu reagieren suchen die Betroffenen keine professionelle Hilfe auf. Scham- und möglicherweise auch starke Ekelgefühle gegenüber dem eigenen „Unvermögen“ können sich emotional tief in das Seelenleben eines Betroffenen eingraben.

 Kulturell gesehen ist Ausscheidung ein Vorgang der primär hinter verschlossenen Türen stattfindet. Man möchte ungestört seinem „Geschäft“ nachgehen. (Ausnahmen von dieser Regel stellen in unserer westlichen Kultur allenfalls Angehörige des männlichen Geschlechts bei öffentlichen Veranstaltungen dar, die zumeist unter dem Einfluss von einer in flüssiger Form hergestellten psychoaktiven Wirksubstanz  stehen.)

Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens eigene „Ausscheidungsrituale“, wie zum Beispiel das ausgedehnte Lesen einer Zeitung während des Toilettenaufenthaltes. Insofern stellt menschliche Ausscheidung nicht nur ein lebensnotwendiges Bedürfnis dar, sondern der Vorgang als solcher besitzt auch seinen eigenen soziokulturellen Wert, der stark individualisiert ist.

 Wie sehr das individuelle Ausscheidungsverhalten eines Menschen auch und gerade von seiner psychischen Verfassung abhängt, wird schnell klar, wenn man sich einmal an vielleicht selbst erlebte Stresssituationen zurückerinnert, wie z. B. eine bevorstehende Prüfung oder einen Unfall. Magen, Darm und Blase scheinen plötzlich ein unangenehmes Eigenleben zu führen, welches nur noch mühsam unter Kontrolle gehalten werden kann.

 Oder vielleicht hat der eine oder andere schon einmal die Situation erlebt, selbst pflegebedürftig zu sein, bspw. aufgrund einer Erkrankung, die einen Krankenhausaufenthalt unumgänglich machten. Spätestens jetzt, wenn man seine Ausscheidung nicht mehr im gewohnten Rahmen durchführen kann, wird einem bewusst, wie existentiell notwendig Ausscheidung eigentlich ist. Auf einem Steckbecken in liegender Position mit einem Bettnachbarn neben sich, Stuhlgang machen zu müssen, kann an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit führen.

 Gerade ältere pflegebedürftige Menschen in Pflegeheimen stehen oft unter dem Zwang, ihre Ausscheidungsrituale aufgrund vielfältiger Faktoren, wie eben eingeschränkte Mobilität, das Fehlen einer gewohnten Umgebung, Anwesenheit von Zimmernachbarn oder Pflegepersonal usw. nicht mehr oder nur noch stark eingeschränkt ausüben zu können. In diesem Fall kann man von einer massiven Beeinträchtigung der Lebensqualität sprechen. Ausscheidung und alles was damit zu tun hat, werden plötzlich „öffentlich“ gemacht.

 Gerade Pflegekräfte müssen sich dieser Tatsache bewusst sein und entsprechend behutsam mit der Problematik umgehen. Um kontinenzfördernde Maßnahmen adäquat einsetzen zu können, bedarf es eines evidenzbasierten pflegewissenschaftlichen Vorverständnisses. Hierzu orientiert sich die Altenpflegeschule am nationalen Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege, welcher vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) erstellt wurde.

 Des Weiteren stellt die Fähigkeit, eigenes Verhalten reflexiv betrachten zu können, eine der zentralen Kompetenzen dar, die in der Altenpflegeausbildung erreicht werden sollen.

 Darüber hinaus werden natürlich alle pflegerisch relevanten Techniken, die mit dem Thema einhergehen ausführlich dargestellt und erläutert. Beispielsweise die Transurethrale Katheterisierung, also z. B. das Legen eines Blasenverweilkatheters, werden praktisch an einer Demonstrationspuppe geübt. Der korrekte Umgang mit Inkontinenzhilfsmitteln, der Einsatz diagnostischer Techniken wie z. B. Teststreifen, Umgang mit einem Urometer, das Messen des spezifischen Gewichts von Urin, Gewinnung von Mittelstrahlurin usw. sind expliziter Bestandteil der Ausbildung.

 Obstipationsprophylaxe, die Durchführung einer Darmirrigation, Anwendung stuhldiagnostischer Verfahren und Stomaversorgung sind in diesem Zusammenhang weitere Tätigkeiten, mit denen die Auszubildenden konfrontiert werden.

Die Auseinandersetzung mit eigenen Gefühlen und deren reflexive Aufarbeitung, sowie die Aneignung eines geeigneten Kommunikationsstils im Umgang mit Betroffenen, welche mit der Ausscheidung Probleme haben, sind weitere elementare Ziele die mit der Ausbildung in Verbindung stehen.

 Auf den ersten Blick erscheint das Thema Ausscheidung zunächst sehr banal, mit zunehmender Beschäftigung aber wird schnell klar, wie komplex und außerordentlich wichtig diese Funktion für die menschliche Existenz ist. Tabus werden aufgebrochen, Ekelgefühle angesprochen, die individuellen Ressourcen und Problemen werden wahrgenommen und behandelt.

Henning Hartmann (Hauptamtlicher Dozent)

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